
Rob Kenius
Geräusche
in der Nachbarschaft


Felix Weigand
die koryphäe
außer mir sitzen noch weitere patienten im wartesaal. in meiner
hand halte ich einen geladenen revolver, der doktor hat ihn mir
verschrieben und gelächelt; “als prüfstein” - das waren seine worte.
ich habe mich bedankt und bin seitdem am hadern. der wartesaal
begleitet mich, immer schon. neben mir ein mann mit einem
verband, sitzt da und murmelt rosenkränze, während sein
oberkörper vor- und zurückschaukelt. das blut an seinem mund,
an seinen ohren ist getrocknet.
der doktor hat ihm eine unversehrte stelle verbunden in seiner weisheit.
der doktor ist wirklich groß. man erwartet seinen rat, seine rechnung,
die nächste audienz.
der doktor sitzt mitten unter uns, sein konzept ist einfach und
schlüssig: er ist krank. er lacht eine weile, eine ganze weile schon
für sich hin, während wir in den leeren kladden lesen, die im
wartesaal ausliegen. der doktor hat uns stethoskope verteilt und
mundpflaster (er sagt, es sei eine epidemie). auf den mund-
pflastern steht in sehr kleiner spiegelschrift geschrieben: “ich bin
nicht existenter als ein bild ohne betrachter, nicht folgerichtiger
als ein vergessener einfall und nicht von größerem belang als eine
insel ohne breite und länge”. wer sich vor den großen spiegel am
hinteren ende des raumes stellt und die worte entziffern kann,
gilt als akut geheilt...
(Auszug aus dem Buch)
Freundliche Warnung
Thomas Bauer
ich zähle jetzt langsam bis hundert und dann entführe ich sie in meine welt. denn in jedem gedicht stecken wegweiser zu einer großen ahnung, sie rufen 'hereinspaziert' und hoffen, daß sie erstaunt weiterziehen. und daß sie sich erinnern wie man sich an ein mädchen erinnert mit tiefschwarzen augen, zwei funkelnde versprechen, und eine trauer wohnt in ihrem blick. ein gedicht fragt nicht, ob sie verrückt sind vor angst oder vor zorn. es fragt, ob sie verrückt nach etwas sind, und verrückt von den anderen, weggerückt: sind sie verrückt genug? dann wissen sie, daß schreiben ein vorwärtstasten ist, mit einem bündel ideen im kopf, puzzleteile, die sich erst durch das tasten sammeln zu einem bild, das plötzlich zuckt und alle wahrheiten einer kleinen welt in einem punkt vereint. das e=mc der gefühle. hundert mal kann man dasselbe gedicht lesen, immer dieselbe zeile, und beim letzten mal schält sich eine antwort heraus und rüstet sich zu einer weltbildstörung. als hätte ein freundlicher geist diese zeile genutzt, um uns ein körnchen erleuchtung ins gehirn zu pusten. doch bis dahin versucht jeder satz, uns eine gedankenfalte durchs gesicht zu ziehen. und die ahnung eines herbstwinds in unserem sommerhoch auszusetzen, die uns zuflüstert: 'früher wußten sie vielleicht auf alles eine antwort. aber jetzt haben sich die fragen geändert.'
Veronika Bauer
Wie hab ich mich an dich gewöhnt,
der du wie Vögel durch mein Atmen ziehst;
der du unbeirrbar, unverwüstlich und unerreichbar blühst
im Schatten meiner Seele. Wie hast du mich versöhntmit Stille, Schlaf und kühler Dunkelheit!
ich kann dich ahnen, riechen, beinah spüren.
ich les‘ in deinen Fährten, die mich führen:
Ganz gleich wie schnell ich gehe, zu deiner Pforte bleibt es weit.Dein Fehlen macht mich leicht und offen
wie eine angelehnte Tür, bewegt vom Wind.
So erwart ich deine Einkehr, meine Heimkehr, wie ein Kind –
noch unbesiegt, voll Traum und Hoffen.
Ruhig blick ich in die leere, blaue Weite,
die sich langsam – zitternd – füllt mit dir.
Die Lider halb geschlossen, scheint es fast als wärst du hier,
vertraut und fremd, so fern und doch an meiner Seite.
Nachfolgend alle 21 Autorinnen & Autorinnen:
Hendrik Adorf
Thomas Bauer
Veronika Bauer
Michele Bergner
Tom Bresemann
Beatrix Ethner
Simon Herzhoff
Myriam Keil
Rob Kenius
Jenny Krist
Nina Kupczyk
Carsten Labudda
Thomas Rackwitz
Andreas Remenyi
Stephanie Schmidt
Christian H. Sötemann
Martin Tanšek
Konstantin Teske
Alexa Testa
Felix Weigand
Felix Wetzel
Illustrationen von
Franziska Müller
...und ein Vorwort des Herausgebers
Enrico Keydel
Tom Bresemann
heimlichdas feine klimpern,
wenn die wellen unterm bug durch-
gleiten, ist das einzige geräusch.
zwischen den welten
knarrt das gestänge unter
der haut. hier gleiten wir aus der stunde.
gelassen
liegt der ebene spiegel. die hölzer kreisen,
unbeholfen, im schilfgesäumten himmel.
ein langsames, fast zärtliches ausloten
ohne auf grund zu stoßen. die faszination des
prinzips nachgeben. die großen fragen
taumeln im gleichschlag loser gedanken.
z.b. wohin all das wasser? oder, wir?
von osten gießt der abend
obst. am ufer, bei den geduckten giebeln
gehen den straßen lichter auf. sie treiben richtungen
in die dunkelheit. keine
antworten.
Über das Buch - der Klappentext
Junge Menschen im Alter von 20 bis 30 Jahren erzählen von brennenden Lunten, Handel mit Steinen, von abblätternden Tapeten zwischen Gedichten und Luft, Selbstfindung in italienischen Wortspielen und von der Suche nach dem Glück
im müden Wort.
Lesen Sie von Entführern und dem idealen Vater, Kants Wahrnehmung, hinausgezögertem Morgentau oder Kindheitserinnerungen in Kroatien.
Lernen Sie den Arzt kennen, der Antworten auf nie gestellte
Fragen gibt und zwischen alten Rosinen die merkwürdigsten
Dinge erfindet.
Unter anderem und so viel mehr noch.
Hinter den Stimmen, zwischen den Zeilen.
Und finden Sie das Mädchen, daß stets gleich und doch immer anders ist. Es könnte jeden Augenblick anfangen loszuheulen oder laut loslachen. Oder gar lautlos lachen. Muß man sich in jedem Augenblick entscheiden?
Diese Anthologie ist auch eine Bestandsaufnahme junger Literatur.
Man nehme zur Kenntnis, aber nehme nicht hin. Dieses Buch könnte für sich sprechen. Wenn Sie es lesen.
Was Dich erwartet:
120 Seiten
75 Texte
Druckfarbe dunkelblau
21 Autorinnen & Autoren
zahlreiche Abbildungen
feines Werkdruckpapier
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2007 worthandel :
verlag | zuletzt aktualisiert am 02. Juli 2010