die fels predigt - das rote evangelium

von Mikal Numa Shayegi

Am 29.September 2008 18:33 Uhr schrieb
Enrico Keydel:

Sehr geehrter Herr Shayegi,

herzlichen Dank für Ihre Zusendung Ihres neuen poetischen Stückes. Obwohl unüblich (bei unverlangt eingesandten Manuskripten auf elektronischem Wege), habe ich mir den Text gleich ausgedruckt und angelesen - und bin von Ihrer Poesie begeistert.

Ich werde mich in den nächsten Tagen noch eingehender damit beschäftigen, grundsätzlich steht einer Veröffentlichung im worthandel : verlag nichts im Wege!

Keine Einführung

Der Text "die fels predigt - das rote evangelium" läßt sich sowohl philosophisch, religiös, erotisch, humoristisch, poetisch oder auch "nur" mit der Lust an der Sprache deuten und lesen. - Ein großartiges Werk!

Dieser Text ist streitbar - und das macht einen guten Text aus. Er läßt nicht kalt, er erhitzt, regt an, läßt nachdenken etc. Dieser Text läßt sich nicht lesen, ohne daß etwas mit dem Leser geschieht.

Textauszug I

aus dem Kapitel BAHN VERKÜRZENDE BIRNEN

misskannte kennerinnen
DER
bahn verkürzende birnen
misskannte kennerinnen
redend an ihrem bürsten saum
dass mir dieser reine
kinn behaarte zögling
nicht sonnen reich quillt
DIE
mit blumigen worten
die gleichsam blumen
langsam entstehen
DAS
das leerste wort
zur heimat leer erwählend
DEN
seellos zu raunen dieser seel
und traum endend drei gefüßt
im hinab erst sich prächtig verklärend
dass dem rot sich lust trüb zugesellt
zerstörend tagst
DIE
dass mir die tränen rau rinnen
an jener gerauten rinnerin zeit
DER
brot karren mit verdorbenem brot
verderber wein mit gärendem hoch
DIE
hymnisch und hermetisch
angeschlagen in roten groß lettern
einem himmel seltener sättigungen
dass nun prächtig prasselt
der saure wein
der saure regen
DER
dass wir in mehl tauchen
in marmorne larven
eines anstiegs und gefälles
in liederlicher zeit wirtschaft
mienen glättend

„die fels predigt - das rote evangelium“ ist keine Anspielung auf die biblische Bergpredigt der christlichen Religion.

Dieser Text ist vielmehr die Beschreibung einer Suche nach dem Sinn. Ohne Antwort. Und mit tausend Antworten. Eine Hommage an Geburt, Lust, Tod, Glauben. („Ich bin geboren worden und lebe trotzdem noch.“)

Dieser Text ist nicht zu deuten. Ja, läßt sich mannigfaltig deuten.

„die fels predigt - das rote evangelium“ ist sehr wohl Anspielung auf die biblische Bergpredigt der christlichen Religion. Und alle Religionen als Trost. Zum Trotz.

Textauszug II

aus dem Kapitel DU SALBTEST DICH MIT ROT

am un unreinen wasser
DEN
in kindlicher anlehnung
und knöcherner zeit
an der schläfe ists
dass ich penelopeisch zaudre
mit diesen prosaischen paraphrasen
um hinauszuproben letzte gewichte
die ich fruchtbar empfange
mit vereiterten längs hälften
auf hügeligen gebilden
im vor kern
zurück wehender ängste
DIE
tadelnd und auch scheltend
doch wie prüfen durch die tat
dass man keine pfuscher zieht
DER
am isthmus gelber hohl räume
birnen gleich und spindel stark
an vorderen und hinteren lippen
am letzten kuckkucksruf
an glänzenden essbaren eicheln
DIE
mit der nachgeburt der angst
beleckt die wölfin die knaben
mit der zunge letztem
DER
dass des wortes fasern
in der gerinnung sichtbar werden
auszukochen sehnen und bänder
zu einem gelben leim
der zusammenhält
die gelben innerheiten
DAS
in kleinlicher betrachtung
und ortloser erinnertheit
des ungeboren geschlachteten lammes
DER
exzentrisch dichtende hohl räume
gelangen in verkotete in wändigkeiten
in verschrobene einnistungen
in regen schwere schweren
an meiner wöchnerin zeit
dass keim blätter frei fallen
meiner erschauten wöchnerin
meiner bleichen lungen knospe
an ihrem blutigen mund
gehetzte maulbeer kinder
DAS
dass das meer vordringt
in vorgebildete senken
in lichte weiten
DIE frucht hüllen und leibes frucht


Über das Buch

"die fels predigt - das rote evangelium"

ISBN: 978-3-935259-79-8
erscheint Mitte Oktober 2009 im worthandel : verlag
100 Seiten auf blutrotem Papier (Umschlag & Inhalt)
Buchformat 13x21 cm
15,80 Euro

bestellbar in jeder Buchhandlung
oder am schnellsten hier erhältlich!




Über den Autor

für's Poesie Album

Mikal Numa Shayegi
Schuhgröße:
Augenfarbe: verführerisch
Haarfarbe: dunkel

Liebligsspeise:
Lieblingsgetränk:
interessiert sich für: Social Networks, Jura, Medizin
mag überhaupt nicht:
spielt am liebsten mit: Worten



Meinungen zum Werk

"Worum es in seinen Versen geht ist kaum zu beschreiben, kaum zu fassen. Er nutzt die deutsche Sprache in einer Art und Weise die verwirrend ist. Versucht man ihm inhaltlich zu folgen ist man verloren. Es ist eher die Melodie der geschriebenen Worte welche faszinierend ist. Er verzichtet auf jedwede Satzzeichen. Die Sätze zerfliessen in ein einheitliches Stück. Ist es Literatur? Ist es Musik? Ist es Kunst? Auf jeden Fall ist es anders. Eine Bewertung ist nicht möglich. Man kann es nicht vergleichen, kein Bewertungsmuster festlegen. Hier gibt es kein falsch oder richtig, kein gut oder schlecht."

Thorsten Korber, www.deep-chess.de, 2007

Sprachkunstwerk seltener Ausprägung

Der Autor [...] schafft ein Sprachkunstwerk seltener Ausprägung, das mit großem Bilderreichtum und existentiellen Gegenläufigkeiten ausgestattet ist. Jeder Sinnsuchende und Verirrte oder Verwirrte kann Trost finden, obwohl dem lyrischen Ich nicht geholfen wurde. Die Aneinanderkettung der Sätze und Wortkaskaden, deren Verformungen und semantische Durchleuchtung sind gekonnt und poetisch. Ist man beim ersten Satz noch verwirrt und will das Buch mit dem Prädikat ›modernes Wortgeklüngel‹ abtun, wird man schnell eines Besseren belehrt. Die Sprache ist aufgefeilt und ausgedünnt auf das Wesentliche, so dass wir diese Reduzierung und ungewohnte Mehrdeutigkeit einer poetischen Sprache erst wieder und erarbeiten müssen. Ein interessantes, inspirierendes lyrisches Werk [...]

Eva Riebler in: etcetera, Nr. 31, März 2008

Beunruhigende Texte

Respekt vor deiner künstlerischen Leistung. Lob muss sein. Vielleicht lobt dich hier auch der Falsche, der Unverständige, der Faszinierte oder vielleicht auch Verführte. Ein Suchender, der mit Sartre (und vielen anderen) im Rücken sich auch nur im Kreise dreht? Dabei soll Disziplin und Glaube uns bessern. Diesen egoistischen Aspekt verfolgt der Irdische, das Menschlein. Uneigennutz, wie ihn Rumi und Buddha beschreiben, bleibt ein Ideal solange wir Luft zum Atmen brauchen. So gehen wir das Thema mit künstlerischen Mitteln an, denn Freiheit ist Imagination (Sartre). So nehme ich meinen Gedanken vom Anfang wieder auf und verweise auf den Humus. Welche Saat kann darin aufgehen?

Nach wie vor „beunruhigen" mich deine Texte. Diesen Zustand möchte ich noch eine Weile so belassen.

Udo in einer email an den Autor im Januar 2009

Ein poesiereicher Grenzgänger

Er ist ein Wortzauberer. In farbreich lebensbrodelnden Bildern setzt der persisch-russische Lyriker Mikal Numa Shayegi sich mit östlicher und westlicher Kultur und Erfahrungen auseinander. Sinnlich und sprachlich ebenso betörend wie bestürzend reibt er sich mit und an der Welt, an der Fremde und dem Befremdlichen und ihren Widersinnigkeiten. „Dass es heilt das Flehen und die Leiden/den Hügel am Brand schwarzer Scham“, heißt eine Gedichtzeile. Da brennt Mohn im Dichterblut und tunkt er „trunkene gelbe Birnen ins Rot/ ins Tiefe herab spielender Winde/zum wachenden Schlaf roter Laute.“ Da treibt ihn das unheilvoll fliehende und zu sich eilende Wort, um „jene Sehnsucht zu flechten sich in das dunkle du.“ [...]

Eine Heimat hat er inzwischen in seiner Poesie gefunden, in der vielstimmig und spannend eigenes inneres Befinden mit östlicher Sichtweise, Stimmung und westlicher Bildung zusammen treffen. Denn in seinen Versen formt er gern auch anspielungsreich bekannte Dichtung um, mit noch ersichtlichen Spuren von Goethe, Rilke bis Celan. Seine Lyrik sieht er auch als „eine Brücke der Kommunikation zwischen den Kulturen. Weil der Orient nicht nur Blut und Gewalt kennt, sondern auch eine sehr verletzliche und zärtliche Seele hat.“
[...]

Lilli Vostry, 2008

Was der Herausgeber meint

Dies ist so ein Text :
Man muß ihn nicht verstehen,
man muß ihn fühlen.

Aber :
Man kann ihn auch fühlen,
Und kann ihn auch verstehen.

Er kann Inspiration, horrende Inspiration sein
für Dichter und Sehnsüchter.
Er kann Trost sein,
Aufbegehren und Jahreszeitentaumel.

Kann Urtext nach dem Ururtext (dem Evangelium)
sein für erweiterte Zyklen,
auch anderer Dichter (im Herbstwind).
Oktobersonne.

Enrico Keydel, 2008

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