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Die Alkoholsucht aus der Sicht einer promovierten Juristin:
Wahrscheinlich halten sie mich für die einzige promovierte Trinkerin auf der Station. Aber das ist ja ein Lapsus Linguae oder Memoriae. Was weiß ich! Ich bin natürlich promovierte Juristin, selbstverständlich Volljuristin, was ich glücklicherweise hier niemandem vom versammelten Volk mitteilen muß; und diejenigen, die es ruhig wissen können, ja sollen, die Mediziner, werden es ja wohl aus der Patientenakte entnehmen. Staunend anerkennendes Kopfnicken stelle ich mir vor, so wie schon bei der Aufnahme an der Rezeption: Herzlich willkommen bei uns, Frau Doktor!
Unter Akademikern ist der Umgang nun mal traditionell ein anderer, als wenn man hier schnöde als gemeine Säuferin eincheckt. Die Fachliteratur auf meinem Nachtschränkchen tut ein Übriges. Mit den dort wie zufällig liegenden Rechtskommentaren und zwei, drei dieser dunkelgrün schlichten Bände von Duncker & Humblot kommt es mir eher auf einen stimmigen Eindruck zu meiner Person an, als daß ich etwa darin arbeiten wollte. Hier schon gar nicht. Und als Nachtlektüre favorisiere ich dann doch die „Vogue“.
Zum Glück bin ich nicht nur Privatpatientin im Einzelzimmer, sondern aus freien Stücken ebenso Selbstzahlerin. Ich will nichts geschenkt und finde es unerquicklich, mit der knickrigen Krankenkasse zu korrespondieren, nur um in diese elende Säuferklinik zu dürfen. Kreditkarte statt Krankenkarte. Kommt überall gut an, selbst hier.
Bezahlt man damit wie an einem Hoteltresen, kann man im Rahmen des Möglichen ein wenig Komfort und ein Minimum an Takt, vielleicht gar etwas Stil erwarten. Ansonsten ist die Gesellschaft hier freilich nicht die angenehmste und überaus anstrengend. Das läßt sich in der Raucherecke, wohin ich täglich mehrmals aufbreche, am Eindrucksvollsten erspüren. Da bin ich Exotin. Oje, denke ich manchmal, all diese Kleinkriminellen! Aber zum Glück kommen einem die einfacheren Naturen nicht so rustikal entgegen wie draußen, denn ihnen fehlt hier drinnen genau wie mir ein steif gemixter Drink, der einen wieder zu Kräften kommen ließe. Ohne Alkohol sind sie hier zunächst alle nur ein Schatten ihrer selbst. Der dünne Morgenkaffee gleicht den von Neuroleptika verursachten Spannungsabfall längst nicht aus.
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„Alter Rabe Alkohol – Einsichten aus einem Entzug“ von Heyne Winterfeldt |
![]() Covergestaltung: Bernd Streiter & Enrico Keydel ISBN 978-3-935259-64-4 |
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Alkohol
Die legale Volksdroge Nummer 1 vom Staat anerkannt und die Steuereinnahmen fließen zuverlässig. Billig überall zu haben.
Die Verführung ist groß: im Supermarkt, auf Partys, am Imbiss – ich schiebe Flaschen beiseite –
Was, wenn es mehr als 2 oder 3 Flaschen Bier pro Tag sind? 20 Flaschen Bier, 1 Flasche Wodka. Und noch mehr?
Was, wenn die Gedanken und das Handeln nur noch darum kreisen, wo der nächste Stoff herkommen soll? ...
Von solch einer Begebenheit berichtet und beichtet dieses Buch.
Ein Buch über Alkoholentzug mit vielen Facetten.
Ein Tatsachenbericht.
Warum habe ich dieses Manuskript zur Veröffentlichung ausgewählt?
In „Alter Rabe Alkohol“ findet sich eine wunderbare Mischung aus Analyse, Fiktion, Humor, Selbstironie und Einblicken.
Im Haupttext „Grauenbrietzen“ offenbaren 10 Personen, die in der Entzugsklinik arbeiten oder Patienten sind, ihre Sicht auf die Alkoholsucht aus ihrem Blickwinkel, so unter anderem:
* der Bettnachbar des Schreibers
* die Oberschwester
* der Chefarztes, der selber Wein trinkt und Genußraucher ist
* der Schreiber
* die Putzfrau
* die Nachtschwester
* die Ehefrau des Schreibers (ihre Perspektive von draußen)
[...]
Zudem ist der Text klug und nie selbstmitleidig.
Was ist noch besonders an „Alter Rabe Alkohol – Einsichten aus einem Entzug“ ?
Der eigentliche Haupttext ist von der autobiographischen Vorgeschichte des Süchtigen (ein ehemaliger Lehrer), der Beschreibung des Versuches des Selbsentzuges sowie einem (fast schon philosophischen) Essay über ETHANOL eingerahmt. Nach dem Hauptteil rundet sich das Buch mit der Beschreibung eines typischen Nachmittages in der Stammkneipe des Schreibers ab.
Und – nicht zu vergessen – immer wieder eingestreut zwischen den Kapiteln sind wunderbar schonungslose Saufgedichte.
Die Texte im Buch „Alter Rabe Alkohol“ sind so facettenreich, dass also für jeden interessierten Leser etwas dabei ist – für selbst Betroffene, für Angehörige, für Therapeuten und Ärzte ohne zerfasert zu sein. Es schildert in bisher selten kluger Weise die Alkoholsucht, das Verlangen nach dem Stoff, den Alkoholentzug und die Selbstreflexion des betroffenen Autors. Es versucht auch zu ergründen, welche gesellschaftlichen Umstände immer mehr Jugendliche und Erwachsene in die Abhängigkeit treibt.
[...]
Fehlte mir der zweite kenntnisreiche Genießer, dann trank ich einen 79er Château Jean Faure St. Emilion Grand Cruschon mal allein aus und war danach so angeregt, durchaus noch einen Château Pichon Longueville Baron von '89 zu öffnen und im Dekanter zu antichambrieren, zumal ich oft einen unerquicklichen Tag hinter mir und nur noch den phantasielosen Primatensex mit Rolf Brieske vor mir hatte. Alles ziemlich armselig für eine Frau von grundsätzlich ambitionierten Bedürfnissen. Ein deliziöser Tropfen aus einer der großen Lagen zieht solche Frustrationen schon verläßlich glatt. Allerdings trank ich eine Bouteille selbstverständlich konsequent aus, wenn sie schon mal belüftet war, und ich hatte nichts dagegen, den Genuß gelegentlich mit einem großen Cognac oder erstklassigen Whisky zu verdichten. Je mehr Zeit mit solchen stillen Proben verstrich, um so verläßlicher traf ich Herrn Brieske dann schlafend an, erschöpft von seinen täglich abzustrampelnden Leibesübungen. Beruflich waren wir zwar im selben Geschäft, freizeitlich allerdings in sehr verschiedenen Metiers. Und es war ein Horror, beide Bereiche miteinander teilen zu müssen. Mindestens in Bezug auf die latente physische Gegenwart des anderen. Für beide gleichermaßen bedrückend. Ekel war ein Begriff, über den ich oft nachzudenken hatte.
Ich sah während meiner einsamen Degustationen durchaus schon eine gewisse Gefahr, allzu sehr zu derangieren. Die lag nach meinem Empfinden aber viel eher in einer fragwürdigen Lebensvereinbarung als im Wein. Die Weine waren erstklassig, meine Ehe aber wertlos. Sie konnte nicht mal mehr als Ersatz für irgend etwas dienen und bot keinerlei Erfrischung. Mein Vater sagte immer: In die Rose gezielt, aber in die Scheiße getroffen. Ich war nicht mal sicher, ob für mich der erste Teil des Satzes stimmte. Ich trank und stellte dazu den Klassiksender an, wenn Brieske seinen Fernseher ausgeschaltet hatte und endlich abgekippt war.
[...]
Den Preis für diesen Aufenthalt wird nämlich er bezahlen, habe ich beschlossen, und deswegen bereite ich ganz in Ruhe vom Rechner aus seinen Abschuß vor. Ich werde geschickt genug sein, meinen Teil unserer Klientel zu behalten, wenn „Brieske & Delcuvé“ sich erledigt hat. Und ob es Brieske für sich allein schafft, das muß sich erst zeigen. Dr. Undine Delcuvé, das machte sich in schwarzen Antiqua-Lettern auf hochglanzpoliertem Messing allein sogar besser. Ich würde Schild und Schrifttypen einfach größer halten. Soll er meinetwegen Landwirtschaftsbetriebe versichern, Traktoren, Ställe, Schweine. Mein Doktorvater, honoriger Mann, ist nebenher immer noch Fachanwalt für Scheidungsrecht. Der zieht mir das, was in dem Fall rauszuholen ist, sicher an Land. Das Haus ist mir egal. Soll mich Brieske doch auszahlen, dann bin ich noch beweglicher. Nach meinem inneren Empfinden war ich immer in Zehlendorf zu Hause und nicht auf einer havelländischen Kuhblöke mit all ihren mißgünstigen Eingeborenen. Ich gehe dorthin, wo das Geld sitzt, am besten also in den guten alten Berliner Westen, zu den älter angestammten, ergo sicheren Vermögenslagen, oder nach Potsdam, zu den frischeren und beweglich risikobereiteren. Bin ich erst hier raus, beginnt die Attacke einer Lady, die mehr denn je weiß, wo sie steht und was sie sich wert ist.
Bis dahin nehme ich das hier als Kur. Entziehungskur! Ha, dann eben das! Etwas entschlacken kann ja nicht schaden. Ich spaziere in den Anlagen, habe Zeit auszuspannen und nachzudenken. Der Wein? Das wird frühestens entschieden, wenn ich Brieskes Bedingungen de jure erfüllt habe und draußen bin. Abgehakt – und weiter! Nur so viel: Ein Leben ohne sinnlichen Genuß ist für mich nicht vorstellbar. Ich bin keine Frau, die verzichtet. Im Gegenteil: Ich fange ohne Herrn Brieske erst richtig damit an.
Das Personal hier ist höflich, das Essen frugal, aber auszuhalten. Man kann keine Restaurant- und Hotelqualitäten erwarten. Der Chef- und die Oberärzte kuschen. Guten Tag, Frau Doktor! Wie geht es Ihnen? Der kleine Stationsarzt ist ein beredter Typ, ein bißchen abgründig, bildet sich allzu viel auf seinen eingeübt tief erscheinenden Diagnoseblick ein und kommt einem sehr sonor mit so ein bißchen Weltwissen. Ich erzählte meinem Vater am Handy davon. Der meinte: Psychiater wird ja keiner einfach so. Die haben alle diesen Analyse- und Erklärspleen und vielleicht noch ein Helfersyndrom dazu. Wären selbst ihre besten Patienten. Was dieser Klugwicht da anbringt, das klingt nach ausgelatschtem Stoizismus. Angelesenes Zeug. Laß dich bloß nicht drauf ein. Das ist so ein Geistheiler, der sich die Unterwelt ausgesucht hat, weil die Zukurzgekommenen und Verzweifelten, die Armen und die Modernisierungsverlierer immer zuzuhören bereit sind und man dienoch mit jedem Sermon berücken kann, ohne daß sie die Geduld verlieren. Wer in Not ist, der akzeptiert jede Pflichtveranstaltung. Meine Tochter braucht doch wohl keinen philosophischen Seelenklempner! Vertreib dir die Zeit, Kleines, und dann geh Deinen Weg. Wir verfügen doch bereits über eine Philosophie – den Erfolg! Seit Generationen.
Die nehmen sich alle sehr ernst. Volkskrankheit Alkoholismus! Nur weil sich das Volk, der große Lümmel, nicht im Griff hat. Ich selbst auch nicht immer, das sehe ich ein. Aber dafür liegen hinreichende Gründe vor.
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[Textauszug – weiter im Buch oder Ebook]
„Alter Rabe Alkohol – Einsichten aus einem Entzug“
Hardcover mit dunkelblauem Lesebändchen
248 Seiten
Format 21 x 14,7 x 2,4 cm
Gewicht 440g
ISBN 978-3-935259-64-4 als gedrucktes Buch für 19,95 €
ISBN 978-3-935259-63-7 als Ebook für alle Reader nur 8,99 €
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