




Wohin gehst Du
Du willst nur kurz Zigaretten holen. Nur kurz aus dem Haus über die
Straße um die Ecke mit dem Italiener darin zur Ziegelwand mit dem
Automat daran. Du wanderst in deine Schuhe. Die Klinke gibt sich dir in
die Hand. Als die Tür hinter dir ins Schloss fällt, öffnen sich deine
Poren. Das Vakuum in deiner Brust füllt sich zischend. Du entdeckst
deine Beine, als du die zweite Stufe nimmst. Du steigst nach unten und
dahinter. Die Haustür ist schon wie aus Pappe. Mit einer scharfen
Rechtskurve schneidest du dir deinen Weg hindurch. Raus auf die Straße.
Du verstehst jetzt, warum sie Wege bauen. Damit du in Bewegung bleibst.
Du nimmst Fahrt auf und der Wind nickt dir böig zu. Du bekommst Mitleid
mit dem alten Stahlbetonbau rechts von dir. Weil du deine Mauern selbst
einreißen kannst. Dann biegst du um die Ecke. Du siehst den Horizont.
Und fließt hinein. Du nimmst dir die Bewegung zu Herzen. Du erhöhst
deine Schlagfrequenz. Nie wieder stehen bleiben.
Du gehst aus dem Raum. Lässt zwei Menschen
hinter dir sitzen. Du verlässt ein Gespräch. Ein paar Worte stehen noch
im Raum herum. Der Sauerstoff wird zu Blei. Du ziehst einen Fetzen
Abendluft hinter dir her. Der dich frisch einholt und deine
Schulterblätter durcheinander wirbelt. Du lässt ihnen ihre Herzen im
Stich. Eine Fliege schafft mit dir den Luftsprung in den Flur. Du
nimmst deine Zigaretten. Das Feuerzeug bleibt liegen. Du lässt einen
faden Nachgeschmack hinter ihren Rippen zurück. Deine schweren Schritte
schlagen Falten in ihre Gesichter. Kieferknochen knarren wie Holzdielen
aus Kiefernholz. Die Temperatur steigt um gefühlte hundertachtzig Grad.
Du lässt ein paar Gramm Gesprächsstoff da. Ein ganzes Stück nach dir
folgt ein neuer Tag. Sie wissen, du bist soeben vergangen. Eine Motte
fliegt zappelnd durchs offene Fenster in Richtung Deckenlampe. Die Welt
da draußen hat Dellen. Und du fließt hinein. Du willst höhere
Zimmerdecken. Und Südseiten.
Du begibst dich auf die Suche. Eines Morgens
brichst du dich auf und beginnst. Du drehst Steine um wie Buchseiten.
Du suchst zwischen den Zeilen. Du schaust in jeder Ecke nach dem, was
den Kreis schließt. Du bist ganze müde Nächte auf den Beinen.. Jeder
Sonnenstrahl, der dir durch dein Fenster in den Schoß fällt, scheint
die Richtung zu zeigen. Die mit den Pfeilen in den Augen werden deine
verschlissenen Wegbegleiter. Tagelang folgst du den weißen Linien auf
den Straßen deiner Stadt. Du schilderst dir die Richtung. Du fragst dir
Löcher in den Bauch nach dem Weg. Du tauschst deine Zimmer gegen andere
Stadtteile. Du wechselst deine Tapeten jeden zweiten Tag. Du lernst das
Wort Neuanfang in zwölf Sprachen.. Du drehst die Welt zwischen zwei
Fingern. Du bleibst nicht länger als ein paar Wochen. Für einen waagen
Hinweis bringst du alles aus dem Gleichgewicht. Du hinterlässt leere
Blicke. Und fließt in nutzlos gewordene Augenhöhlen hinein. Du willst
Antworten. Und fragst immer nur wie weit noch.
Du bist zu weit gegangen. Die Straßenzüge haben plötzlich weniger
Abteile. Die Dächer der Häuser schärfere Kanten. Die Fenster darin
holen die Dämmerung ein Stück weit schneller vom Himmel als dir lieb
ist. Du bleibst stehen und trinkst einen Schluck Milchglas. Der Durst
will nicht still sein.. Irgendwo hinter deinem Rücken muss es einen
grünen Abzweig geben. Auf den du nicht gekommen bist. Du kannst die
Schrift auf den Straßenschildern nicht lesen. Und auch nicht was man
dir im Laden gegenüber für dumm verkaufen will. Du suchst in deinen
Taschen dich zu erinnern. Du findest einen Fetzen von einem Zettel mit
Einschusslöchern. Du wirkst betroffen. An einer ampellosen Kreuzung
drehst du deinen Hals in jede Himmelsrichtung. Und suchst nach
schwarzen Löchern, in die du hineinfließen kannst. Doch kein Mensch
winkt dich in seine Bauchhöhle. Keine Tür stellt sich für dich offen.
Nirgends ein paar Sekunden fremder Lebenszeit übrig. Deshalb gehst du
in dich. Du ließt deine Gedanken. Weißt was du willst. Und kommst
darauf zurück.
Du gehst für ein paar Monate über die Grenze. Weil hier daheim jede
Fassade deine Sprache spricht. Und jeder Baum. Und sogar die Ausländer.
Und du trotzdem nicht verstehst. Du willst auf dem Strich gehen. Der
zwei Stück Land trennt. Gratwandernd grenzgehen willst du. Den Menschen
an Händen und Füßen ablesen. Worauf sie hinaus wollen. Auch wenn du
weißt, dass das überall auf das Selbe hinaus läuft. Du willst in
fremder Luft gehen. Unter Pinien in deine geballten Fäuste Trübsaal
blasen. Am Strand verlassen und verlassen werden. Das hat Stil. Und
macht was her in der Heimat. Da wo sie das Grau anrühren jeden Tag. Und
sich in die Haare schmieren. Du willst auf einem großen Platz stehen
und nichts ahnen. Die Welt für wahr nehmen. Du willst endlich eine
Entschuldigung haben. Wenn du einen vor den Kraushaarkopf stößt. Ich
weiß ja nicht, wie das bei euch läuft, willst du einmal sagen. Und dann
wieder heimfahren. Und in die offenen Münder der Daheimgebliebenen
fließen. Und ihnen mit deinem klaren Blut die Adern füllen. Damit sie
niemals von dir fort gehen müssen.
Du erreichst dein Ziel. Und setzt dich zur Ruhe. Oder lässt dich
nieder. Oder pflanzt einen Haselnussbaum. Oder baust ein Haus neben
vielen anderen, die angekommen sind und ein Haus gebaut haben. Und
zäunst deine Freiheit maschendrahtig ein. Oder schreibst ein Buch und
wirst reich damit, dass anderen deine Erfahrung reicht. Wer die Beine
hochlegt, dem schwillt in der Brust der Schlagmuskel. Und der lässt
dich zucken, in jeder Minute mindestens einmal zu oft. Und dann fängt
es an zu kribbeln und dagegen hilft nur kratzende Bewegung. Du machst
es dir unbequem. Du genügst dir nicht mehr. Und das, was du hast,
scheint wieder nur ein Stück weit näher dran an dem. Was du eigentlich
willst. Und solang du nicht weißt was es ist. Läufst du geradewegs
darauf zu. Und irgendwann. Wirst du mindestens einmal jeden Weg
hinunter geflossen sein. Und man wird hinter deinem Rücken. Von vorn
damit beginnen. Aus dem Leeren zu schöpfen.
Du gehst einen Weg. Ich geh einen Weg. Wegen der Unmöglichkeit der
Andersartigkeit. Und weil man ja sonst nicht wüsste. Wohin.
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Alltagsbegebenheiten
mit einfachen Worten
wunderbar umschrieben...

"Was
macht dich schön" von Felix Wetzel




Unseren Bestseller aus Leidenschaft.



[Auszug aus dem Buch]
Der Autor über sich...


ISBN 978-3935259-17-0
erschienen im worthandel : verlag
14,90 Euro
Hier gibt's das ganze
Buch
mit 35 Geschichten auf 112 Seiten, 2., verbesserte Auflage 2010
| "Was
macht dich schön" von Felix Wetzel ...ausserdem von Felix Wetzel lieferbar "Schöner Irrsinn - Die Ahnung von der Unvollkommenheit" - hier alle Details zum 2. Buch |
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