"Warum willst du ans Meer, hat sie gefragt;
Du kannst nicht schwimmen und willst ans Meer. -
Genau deshalb, hat er gesagt."



Das Meer in Erwartung der Schwimmer

Erzählungen von Peter Leonard

Cover des Buches Das Meer in Erwartung der Schwimmer

Der erste Tag, die erste Nacht

Du lernst ihn auf einer von Davids Partys kennen.
Er ist alt. Er mißt ungefähr einsfünfundsechzig.
Du überragst ihn.
Er heißt Roman.
David klopft ihm auf die Schulter. Das ist dir fremd.
Er macht das nie, nicht einmal mit dir.
Roman kommt aus Ungarn, sagt David. Und sagt nichts damit.
Du nickst. Deine Augen leuchten.
Hallo, sagt Roman. Sein Bauch spannt. Sein Haar ist strähnig.
Er gibt dir die Hand, energisch.
Es ist Winter, doch er trägt nur ein Hemd. Mit kurzen ärmeln.
Auf einem Unterarm hat er eine Tätowierung.
Eine Rose. Ohne Dornen. Es fällt dir auf.
Ihr steht zusammen, David geht. Einfach so.
Warum bist du hier, fragt Roman. Die Tätowierung zuckt. Er hat kräftige Muskeln.
Das Licht ist blau; abgedunkelt.
Dein Gesicht liegt im Schatten, gut so. Du magst Davids Partys.
Trotzdem hast du nie mit ihm geschlafen.
Hat sich nicht ergeben, irgendwie.
Ist ein warmer Ort, antwortest du. Roman lacht. Seine Zähne sind grau.
Er deutet zur Couch, macht einen Schritt.
Du folgst ihm.
Was machst du, fragst du über seine Schulter.
Aus dem Hemdkragen wachsen Haare. Schwarz; buschig.
Ich bin Maler, sagt er.
Ihr setzt euch.
Zu dir oder zu mir, denkst du. Aber so ist es nicht.
So einfach ist es nicht.
Kennst du Ungarn, fragt er. Seine Augen sind schiefergrau.
Du schüttelst den Kopf.
Er lehnt sich zurück.
Jetzt müßte er rauchen, denkst du. Er raucht nicht.
Du ziehst die Beine hoch, legst sie auf die Couch.
Er beobachtet dich. Bewegungen im Schiefergrau.
Diese Rose. Ohne Dornen.
Sie ist nicht kitschig. Sie paßt zu ihm.
Welche Bilder malst du, fragst du ihn. Er ist überrascht.
Seine Finger spielen mit dem Sofabezug.
Lange, schmale Finger.
Sicher ist er ein guter Maler, denkst du.
Das Blau ist schwach jetzt. Nach dem Winter kommen die Träume, immer.
Porträts, sagt Roman.
David geht vorbei, hebt kurz die Hand. Er ist schlank; dunkel.
Du hast noch nie mit ihm geschlafen.
Porträts, fragst du.
Am Fenster Eisregen. Trockenes, wirres Klopfen.
Roman faßt dich an. Seine Hand auf deinem Arm.
Jemand lacht laut und ordinär.
Vor dir siehst du ein Atelier. Zwei Menschen.
Ein Maler, ein Modell.
Ein Mädchen mit kurzen Haaren.
Fast geschoren.
Schmale, feste Brüste. Es sitzt. Es blickt am Maler vorbei.
Keine Bewegung.
Immer noch Eisregen; schwaches Blau.
Ich möchte dich malen, sagt Roman.

Ein Atelier. Zwei Menschen.
Ein Maler, ein Modell.

(...)
Die ganze Geschichte kannst Du hier drin lesen:

Über das Buch

Das besondere an Peter Leonards Texten ist, dass er so echt schreibt, Dialoge wie gerade notiert. In augenblicklicher Abfolge. Seine Dialoge stehen einfach da, mitten im Text, unvermittelt im Raum. Wirken nicht erfunden, nicht hölzern. Wie man wirklich denkt. So steht es da.

Die Gedankenabfolge wie in Wirklichkeit, wenn wir nach Worten suchen im Gespräch; uns unsicher sind, uns verbessern. Auch, was wir vielleicht lieber nicht gesagt oder gedacht hätten. Das kommt hier vor, das wird benannt.

Wir sind seine Figuren. Leonard zeigt wie mit einem Scheinwerfer auf einen Ausschnitt irgendeines Lebens, irgendeines Momentes. Mit eingeflochtenen Erinnerungen.

[...]

„Das Meer in Erwartung der Schwimmer“ ist nicht nur ein absolut empfehlenswertes Debüt sondern die Entdeckung eines neuen Autors.

Deshalb sind die neun Geschichten in seinem Debütband im Flattersatz belassen; deshalb, weil Gedanken nicht in Textblöcken zu fassen sind, weil sie einzeln kommen, hintereinander, mit Denkpausen.



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Peter Leonard "Das Meer in Erwartung der Schwimmer"
erschienen am 15. Dezember 2010
im worthandel : verlag
126 Seiten, Buchformat 13x21 cm, 174 Gramm
ISBN: 978-3-935259-20-0
12,90 Euro

bestellbar in jeder Buchhandlung innerhalb von 24 Stunden
oder sofort hier erhältlich!


Über den Autor


Peter Leonard, geboren in Mainz, lebt und arbeitet in Spanien.
In seinen Geschichten verarbeitet er Geschehenes und das immer Mögliche,
das in der Erinnerung wacht. Über Literatur sagt er, dass sie jeden Tag
den Kopf erhebt und sich nach Erntehelfern umsieht. Er hat einen Sohn,
dessen Geburt die Werte neu justierte.