„Juris Kristalle. Novelle über eine Schizophrenie“
von Kerstin Fischer

Cover Juris Kristalle. Novelle über eine Schizophrenie

Covergestaltung unter Verwendung eines Fotos von froodmat / photocase.de







Lesungen der Autorin Kerstin Fischer

• Niedersächsische Literaturtage des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Niedersachsen und Bremen, 14. 9. 2012, Autorenlesung aus "Juris Kristalle" im Gymnasium Oesede, Georgsmarienhütte.

• Autorenlesung aus "Juris Kristalle", 15. Oktober 2012, um 19.30 Uhr in Ameis Buchecke, Goschenstraße 31, Hildesheim. Eine Veranstaltung der Buchhandlung in Zusammenarbeit mit der AWO Trialog und dem worthandel : verlag.

• Autorenlesung aus "Juris Kristalle" , 5. Januar 2013, um 11 Uhr in der Stadtbibliothek Bremen Vegesack

• Landhaus Lesung aus "Juris Kristalle" mit Kerstin Fischer, 7. Februar 2013, Marsbruchstr. 179, Dortmund.




Beginn der Novelle

Der kleine Juri beherrschte eine seltsame Kunst. Er konnte den Blick anderer Menschen in die Irre lenken. Seine Augen zogen einen dabei in eine ferne Weite, die voller Magie steckte und einen heißen Kern zu verbergen wusste. Auch waren sie wunderschön, ganz hellblau, wie klares, reines Wasser. Juri lebte in einer kleinen süddeutschen Stadt. Viel hatte die Stadt nicht zu bieten. Aber Jungen in Juris Alter waren da noch genügsam. So reichte es ihm und seinem Gefährten in den Sommerferien vollkommen, die Tage am Fluss zu verbringen, die Biber zu beobachten, Sandburgen zu bauen oder Staukanäle zu buddeln, um sie in den Strom einmünden zu lassen. Oder bis zu den Knien in die türkisblauen Fluten zu steigen, die sich nach Regentagen in eine braune Brühe verwandeln konnten.

Manchmal war Juri dabei nicht wirklich anwesend und es kam ihm vor, als stünde er unterdessen am anderen Ufer und schaute von dort aus herüber zu jenem Jungen, der da buddelte, der er doch selber war. Was einen gewissen Schutz bedeutete. Würde er auf diese Weise doch nie ertrinken, da er ja nicht hinüberzuschwimmen brauchte, schon da war, jene Gefahr, die vom Fluss ausging, auf diese Weise zu umgehen verstand.

In der Schule zeigte er sich oft unaufmerksam. Auch wenn er ein kluger Junge war. Dann zogen die Zahlen und Buchstaben an der Tafel weit fort. Bis auf einige wenige, die widerstanden, mehr noch daraus hervortraten, zu ihm ranrückten und sich zu neuen, für ihn allein wichtigen Formeln und Wörtern zusammensetzten. „Juri, Juri“, rief dann die Lehrerin, der seine gedankliche Abwesenheit ein großes Ärgernis war. Aber Juri hörte sie kaum. Erst durch den spitzen Ellenbogen seines Nachbarn, der ihn in die Seite traf und dort einen leicht stechenden Schmerz hinterließ, war es ihm möglich, über die Gräben seines Innenlebens hinweg und zurück in den Klassenraum zu finden. Die Lehrerin, eine gedrungene kleine Person, deren von Leber- und Altersflecken übersätes Gesicht vor allem Schlechtes aufgesogen hatte, schaute dann immer sehr streng, fast verachtend, was ihn aber weder verletzte noch erschrak. Da erwies er sich als unempfindlich.

Ihr abschätziger Blick konnte nicht vordringen zu ihm, verlor sich wie in einem Nebel, der um ihn aufkam. Hinter diesem Nebel aber lag eine geheimnisvolle Welt, in der Juri die Geschicke lenkte. Deshalb brauchte er kaum Freunde, ließ nur einen wirklich zu, denn jene Welt bot genügend, um die Sinne zu beschäftigen. So verharrte Juri nach dem Mittagessen oft stundenlang in seinem Zimmer, anstatt mit den anderen Kindern zu spielen. Worüber sich die Mutter nicht die Mühe machte nachzudenken, wollte sie doch ohnehin ihre Ruhe. Mit Juri würde schon alles seinen Gang nehmen, so dachte sie. Er war eben so, der Juri.

Auch bot das Kind keinen Halt, so wie es da in seiner anderen Welt lebte. Einen Halt aber hätte sie gebraucht. Wirkte sie doch völlig verloren. Als stünde sie inmitten einer großen, kalten Halle, in der sie sich verlaufen hatte und verzweifelt nach dem Ausgang suchte. So redete sie auf jeden ein, ob Freund oder flüchtig Bekannter, auf wen sie auch traf, er musste einen Redeschwall über sich ergehen lassen, hinter dem sich doch einzig jene Frage nach dem Ausgang verbarg...




Cover Juris Kristalle. Novelle über eine Schizophrenie


Textauszug II

Die ersten Tage in der Universität erwiesen sich als äußerst angenehm. Juri genoss die freie Atmosphäre, die die Zeit des Orientierens mit sich brachte, in der noch keine Forderungen an ihn herangetragen wurden, sondern man ihn einfach beobachten ließ.

Die Studenten eilten über die Flure zu ihren Veranstaltungen. Überall dieser grünstichige, dunkle Filz auf den Böden. Juri kam es zuweilen vor, als liefe er über Moos, wäre da nicht diese klimatisierte, trockene Luft, die der Vision den Atem nahm. Verschiedene Glastüren, die die langen Flure teilten, galt es auf dem Weg zu den Vorlesungen aufzudrücken. Sorgsam achtete Juri darauf, sie jeweils hinter sich offenzuhalten, bis der ihm nachfolgende sie zu fassen bekam, denn er war ein höflicher Mensch.

Einmal geschah darüber etwas Merkwürdiges. Nachdem er dicht hinter sich Schritte vernahm, das Ritual des Aufhaltens vollzog und vergebens auf die Hand wartete, die die Tür auffing, blickte er sich verwundert um. Hinter ihm bückte sich ein Mann mit einem schwarzen, abgetragenen Mantel und riss an den Zotteln seiner ausgefransten Hose. Für sich genommen vielleicht nichts Un- gewöhnliches. Die Fransen aber, die die unruhigen Hände versuchten abzutrennen, waren zu Juris Entsetzen blutgetränkt.

Der Mann richtete sich auf und blickte Juri an. Panik lag in seinem Gesicht, als fühlte jener sich ertappt. Juri erschrak zutiefst, denn er erkannte dessen Augen: es waren die flackernden Augen Rodions Raskolnikows, die ihn da anstarrten. Die Augen des Mörders von Aljona und Lisaweta Iwanowna aus Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“.

Cover Juris Kristalle. Novelle über eine Schizophrenie




• Paperback
• Format 12 x 19 cm
• 120 Seiten

• ISBN 978-3-935259-65-1 gedrucktes Buch für 14,90€
• ISBN 978-3-935259-56-9 ebook für nur 7,99€ (siehe unter "eBooks")




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zuletzt aktualisiert am 19. Februar 2013