Moreen - Erinnerungen
an eine frühe Liebe
Wir waren jung und wussten es nicht besser. Und trotzdem
bleibt ein komisches Gefühl in der Gegend, in der eigentlich die
Unschuld blühen sollte.
Braune lange Haare, braune große Augen, rote volle
Lippen. So wie du haben tausend andere Mädchen zur
gleichen Zeit auch ausgesehen. Aber ich habe eben neben
dir gewohnt. Das haben wir nicht mal selbst entschieden,
aber ich kann mich an keine Minute erinnern, in der das ein
Problem war. Das hat uns damals nicht gestört, denn
entschieden haben sowieso immer die anderen. Nein, im
Gegenteil. Ich wollte auch nur dich kennen. Ich war froh,
dass es so war, wie es war. Denn mit dir war es am schönsten.
Du hast gleich im Nebenhaus gewohnt. In der Achtzehn.
Ich in der Sechzehn. Der Weg zu dir war also nicht weit.
Fünf Stockwerke nach unten, zehn Meter nach links und
dann noch drei Schritte bis zu deinem Klingelknopf. Genug
Zeit, sich auf dich zu freuen. Auf dich und auf die nächsten
paar Stunden, die wir gemeinsam buntmalen.
Ich weiß gar nicht mehr, wann wir uns das erste Mal
getroffen haben und was ich da gedacht oder gefühlt habe.
Es ist aber auch egal. Denn wir waren gerade so alt, dass wir
die Zeit als Freund begriffen haben. Ein Freund, der uns die
Möglichkeit gibt, Spaß zu haben. Fußball zu spielen. Puppen
an- und auszuziehen. Also du hast sie an- und ich sie
ausgezogen. Wir haben mit hellen Stimmen geredet über
Dinge, die man heute albern nennen würde. Und wir haben
uns nichts dabei gedacht. Bei nichts. Wir haben einfach
immer irgendwas Schönes gemacht. Wir haben auch mal
Blutwurstschnitten gegessen in deinem Kinderzimmer,
obwohl uns beiden schlecht davon geworden ist. Wir haben
es für deine Mama getan. Wir hatte noch keine Ahnung,
was ein Moment ist und warum die so wichtig sind. Uns hat
der Nachmittag gehört, an den Wochenenden auch mal der
Vormittag und als wir dann etwas älter waren auch der Abend.
Bis die Stimmen unserer Mütter aus den Fenstern des
Plattenbaus die Dunkelheit zerschnitten und uns getrennt
haben für unerträglich lange Stunden bis zum nächsten
Klingeln. 'Kommst du raus?' Klar, was für eine blöde Frage.
Ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen. Das ist bis heute
so geblieben.
Einmal, das weiß ich noch genau, hatten wir beide Ferien
und haben zwei Wochen lang jeden Tag zusammen verbracht.
Ich bin morgens aufgewacht und habe dich vermisst. Aber
nicht so, wie ich dich heute vermisse. Es war das reine Gefühl.
Es gab keine Hintergedanken. Keine versteckten Wünsche
oder unsichtbare Ziellinien. Ich habe dich einfach so
verdammt gern gehabt, ohne zu wissen warum. Und erst das
Klingeln an unserer Tür hat mich erlöst. Einmal bist du nicht
gekommen, das war ein Donnerstag glaube ich, in der zweiten
Ferienwoche. Ich war so sehr daran gewöhnt, dich zu treffen.
Ich war unruhig, flog auf einem ganzen Schwarm Hummeln
durch mein Zimmer und wollte nicht mehr warten. Und
obwohl es erst halb neun war und ich noch nicht mal
gefrühstückt hatte, bin ich die Treppen runter geflogen und
auf deinem Klingelknopf gelandet. Keine Antwort. Kein
Fensterspalt breit offen. Du warst nicht da und das war das
Schlimmste, das ich mir vorstellen konnte. [...]
Auszug aus der Geschichte "Moreen" Seite 85 aus dem Buch "Schöner Irrsinn - Die Ahnung von der Unvollkommenheit"
Verwundbar
Als ich dich gemacht habe, hab ich mir mein altes Leben genommen. Und ein neues bekommen.
Immer abends sitz ich an deinem Bett. Das heißt immer dann, wenn mich das Büro früh genug ausgespuckt hat und ich wieder zu mir selbst zurückkehren kann, noch bevor aller Tage Abend ist. Dann sing ich dir ein Lied oder du singst mir eins. Und dann erzählst du, mit wem du gespielt hast heute und wie deine Plüschtiere heißen. Unterhaltungen mit dir sind so anders. Du fragst nicht nach mir. Du willst nicht wissen, wie mein Tag war. Du siehst nicht die Augenringe um meine Brust und weißt nicht, wie eng sie sitzen. Du fragst nicht, warum ich dich so anschaue. Du erzählst mir, dass du heute Spinat gegessen hast. Und ich nehm es dir nicht übel, dass du nicht nach mir fragst. Ich nehm dich lieber auf den Arm. Ich beschütze dich vor dem übel da draußen und halte einfach die Klappe. Oder singe noch mal ein Lied, wenn du das willst. Und bevor ich gehe, fragst du immer, wer morgen früh da sein wird. Und dann sagst du, dass ich da sein werde. Und ich stimme dir zu. Und geb dir einen Kussvorrat für die Nacht mit ins Kissen. Und als ich die Tür einen Spalt offen lasse und den ersten Schritt in mein anderes Leben mache, merke ich erst, wie gern ich morgen da sein möchte. Und wie schlimm es wäre, wenn ich es mal nicht mehr sein könnte.
Manchmal tagsüber oder auch im Dunkeln, wenn du nicht da bist oder schläfst, vergesse ich dich. Dann leb ich fast wie früher, bevor es dich gab, nur vor mich für mich hin. Dann höre ich laute Musik und mache mich hart für den Tag. Stacheln züchten für den Nahkampf. Dann balge ich mich mit den anderen um die dicken Knochen im Fressnapf, als wären wir für ewig junge Hunde. Dann kletter ich riesige Hürdenberge hoch, oder Hügel, mit nur einer Hand und schaue nicht nach unten. Und während ich über dem Abgrund hänge zeig ich mit der freien Hand denen den Mittelfinger, die von unten hochschreien, dass ich nicht für den Gipfel gemacht sei. Dann sag ich manchmal, dass ich die anderen beneide um das Freisein und die freie Wahl des Weges zu jeder Uhrzeit. Dann erinnere ich mich an früher und höre die Wölfe heulen in den Wüsten hinter mir. Und dann geh ich abends weg und vergesse dich für ein paar Stunden und trinke das Leben in Flaschen mit dicken Bäuchen von schönen Barfrauen. Dann kann mir nichts etwas anhaben. Dann sollen die ruhig alle kommen und mich können. Ich hab für jeden eine Faust übrig, denk ich. Und dann seh ich in der Tram spät abends auf den schwankenden Planken meines Heimweges ein kleines Mädchen, das am warmen Atem seiner Mutter hängt und schläft mit geballten Fäusten vor Anstrengung. Und in meinen Augen löst sich das Salz der vielen Stunden, die mich wie die Brandung langsam rund ausspülen. Dann mach ich mir nichts mehr vor. Dann weiß ich: Als ich dich gemacht habe, hab ich mir mein altes Leben genommen. Bei vollem Bewusstsein. Und ein neues bekommen.
Auszug aus dem Text "Verwundbar" (S. 129 - 131)