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Fotogalerie Schoener Irrsinn von Felix Wetzel


Notwehr

Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Nicht lauter, als wenn zwei Lider aufeinander prallen. Ich habe keinen Schlüssel zu irgendeinem der Schlösser hier im Haus. Das hat seinen Grund. Ich sollte nicht hier sein. Nicht hier gewesen sein. Und ich sollte nicht wiederkommen. Letzteres ist noch möglich. Ansonsten hab ich bereits auf der ganzen Linie versagt.

Schon nach der zweiten Stufe abwärts beginnen meine Knie zu krachen. Oder es ist mein Herz. Ich halte es für möglich, dass es gerade zu Holz geworden ist. Meine Knie können es eigentlich nicht sein. Denn die sind zu weich, als dass sie noch etwas anderes als ein Schluchzen hinbekämen.

Ich sehe die Treppe als ersten Teil des Weges an. Weg, nur weg hier. Das Ziel wird sein, es auch zu bleiben. Das Echo meiner eigenen Schritte fällt von den hohen Decken auf mich zurück. Man kann es schallend sagen hören, wie sehr ich mich schäme. [...]



Textauszug aus "Notwehr" Seite 49 aus dem Buch "Schöner Irrsinn - Die Ahnung von der Unvollkommenheit"



Hier kannst Du in einer 35-seitigen Leseprobe mit 5 Texten blättern.
Das Buch hat insgesamt 170 Seiten mit 38 Texten.
(Zum Vergrössern einfach draufklicken.)

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Felix Wetzel erklärt uns den Alltag. So,
wie er wirklich ist. Nur noch schöner.
Macht uns nachdenklich mit seiner gänse-
hautmachenden Mischung aus Dichtung
und Wahrheit. Mit verblüffend einfachen
Sätzen öffnet er den Vorhang für unser
Kopfkino. Aber wie macht er das bloss?
Und sollen wir ihm das glauben?


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Bitte geh nicht

Zwei treffen sich zufällig an einer Kreuzung ihrer Wege und haben bis dahin nur sich selbst und unter sich eine leise Ahnung. Zwei sind zufällig zur selben Zeit am selben Ort und beschließen, ab sofort nichts mehr weiter zu brauchen, als einander.

Die beiden halten sich von nun an stets an den Händen oder gehen zumindest dicht hintereinander, halten sich mit den festen Blicken oder ziehen sich am Rockzipfel einander nach. Die beiden lassen sich nicht mehr aus den Augen, was nichts anderes bedeutet, als dass sie beschließen, dem Rest gegenüber blind zu werden.

Sie beginnen allmählich damit, ihre Mauern einzureißen und aus deren Steinen sich einen Bunker für ihre Herzen zu bauen. Sie verlassen die Welt, die sich dreht und bauen in ihrem Keller eine, die in Ruhe und Halbschatten fest steht.

Die Liebenden machen mit ihren Körpern das, wofür diese einst gemacht wurden - sie schlagen große Funken für den großen Flächenbrand und werfen sich in die Glut, damit es nicht aufhört, das große Leuchten. Die Liebenden erschaffen sich eine neue Liebe. Eine, die beständiger wächst, als Ersatz für die andere, die so schnell durch die Wolken bricht und nicht mehr höher kommt.

Diese Menschen verkaufen die Heiligkeit des empfundenen Moments an das Vage der Zukunft. Die Menschen können das nur, wenn sie nicht länger nur an sich denken und an ihre nackte Sehnsucht nach dem Leben, das sich im Augenblick offenbart.

Manche greifen zur Sicherheit nachts neben sich und sind erleichtert über das müde Fleisch auf der anderen Seite des Lakens, das sich nicht bewegt hat, während sie fort waren. Manche sagen sich in jeder Stunde mindestens ein paar Minuten lang das, was man niemals ganz und gar sagen kann und erfreuen sich ein paar Sekunden am gelernten Klang der Worte und an deren fliegendem Echo zwischen Rippen und Rücken.

Andere stecken sich identische Ringe an die Finger, damit sie sich unter vielen Gleichen im Gedränge wieder erkennen. Andere ziehen in abgeschiedene Gegenden, die nicht von Lebensadern durchzogen sind, damit sie die lebendige Versuchung nicht finden und fortreißen kann.

Alles machen sie richtig, sofern man das sagen kann. Alles tun sie, was in ihrer Macht steht.

So ergreifen sie mit feuchten Händen und zerbeulten Hälsen die Gelegenheit, begeben sich mit wackeligen Knien auf den Weg und machen Schlängellinien hinter sich in den Staub. So sitzen sie inmitten von warmer Juliluft auf einem Dach über der Stadt, berühren sich an den Schultern und mit den Köpfen und schauen entrückt auf ihr funkelndes Reich, das hinter der Regenrinne beginnt und das sie mit bloßen Herzen niedergerungen haben. So schaukeln ihre grauen Schläfen die rosigen Enkelkinder in den Schlaf, während draußen im Dünengras die Dämmerung heran- rauscht. So blicken sie mit trüben Augen in ein Buch voller Bilder von bekannten Gesichtern, das ihnen beweist, dass sie Recht behalten haben, all die ganzen Jahre über. [...]



Textauszug aus "Bitte geh nicht" Seite 56 aus dem Buch "Schöner Irrsinn - Die Ahnung von der Unvollkommenheit"






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