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Und hier die ersten Leseproben:
Frank Rawel
Klassentreffen
seit langem plane ich ein klassentreffen
nur mit mir
keine weiteren einladungen
typisch würden die anderen sagen
schon deshalb sind sie pardon nicht angefragt
ich lebe nun mal in meinem schneckenhaus aus luft
schon diesen vergleich fänden sie lächerlich
aber er stimmt
also lächerlich finden was stimmt will ich nicht haben
ich plane mein klassentreffen
vorerst also ganz nur mit mir selber
und ohne anhang
den man schon genug gelangweilt hat
und dass die größten rabauken die dicksten autos haben
war schon immer klar
dazu braucht man keine klassentreffen
die meisten namen sind vergessen
aber das möge niemand
der sich mangels nennung ohnehin nicht angesprochen
fühlen kann
persönlich nehmen
ich vergesse alles passwörter hosengrößen
fehler schwüre
sogar anspruchsberechtigungen
also bitte schön das geht auf mich
(Auszug : weiter im Buch)
Jerk
Götterwind
Wenn ich Kannibale wäre
würde ich nur Alkoholiker essen
Vier Uhr morgens nach einer durchwachten
Nacht in der die Schreibmaschine einfach
Keine Ruhe geben wollte und mich unersättlich
An die Tasten zwang im fahlen Licht einer
Kerze die nach Rosen riechen sollte aber
Ihr Geruch erinnerte mehr an die Duftbäume
Die die Rückspiegel der Autos verunstalten
Ich schreibe gerne bei Kerzenschein dabei
Die ein oder andere Langspielplatte der
Einstürzenden Neubauten am liebsten die
Zeichnungen des Patienten O.T. und wer
Jetzt fragt was eine Langspielplatte ist dem
Sage ich dass dies die geilste Sache ist die man
Mit Erdöl überhaupt machen kann und eure
CDs könnt ihr euch sonst wohin tun und wer
Nun fragt wer die Einstürzenden Neubauten
Sind den strafe ich mit Missachtung und gebe
Keine Auskunft irgendwann muss auch mal
Schluss sein mit diesem sentimentalen
Quatsch
(Auszug : weiter im Buch)
Jerk Götterwind
Es kommt langsam
Der Rücken schmerzt und
Die Füße brennen nach
Einem Spaziergang wie
Früher nach einer Tageswanderung
Kaum noch Haare auf
Dem Kopf dafür im
Gesicht und was einst
In vielen Farben schimmerte
Nimmt nun einen Ton
An der sich dieser Welt
Und diesem Leben anpasst
Als gehöre er schon seit
Jeher dazu
Grau
Die Galle ist raus und
Die Betablocker stellen das
Herz ruhig welches immer
Noch auf der Überholspur
Holpert während ich am
Standstreifen gestrandet bin
Das Alter kommt langsam
Aber es kommt
Lothar Becker
Polaroid Sommer
Es war in einem anderen Universum, damals, in der
strohhellen, staubigen Mitte des Jahres, und alles war leicht
und warm, und die Zeit floss langsam, und das Dasein
schien so einfach und klar zu sein wie das Flirren der Luft
über dem sonnenweichen, heißen Asphalt.Und es war
bizarr, wie ich aus dem Haus stürmte, die Wiesen entlang
unter den leuchtenden, tanzenden Schatten der Bäume,
und mich so sicher fühlte, behütet vom Leben, inmitten der
grellen Fontänen des stampfenden Lichts. Es war so
einfach und klar. Hinter dem Sportplatz, wo die
Sonntagsfahrer ihre Autos putzten, und davon träumten,
einmal im Leben einen Citroen zu fahren, traf ich ein paar
von den anderen Jungen, und wir machten uns auf, die
Welt zu erobern. Und die Welt war der Stadtrand, die Allee
zu den Dörfern, Brennesseln, Drahtzäune, Unkraut, das
Glitzern des Sees in der Sonne. Die Blondinen im
Schwimmbad trugen bunte Bikinis, und wenn wir vom
Zaun aus zu ihnen herüber sahen, lachten sie oder drehten
sich um, und gingen weg. Manchmal kam einer ihrer
athletischen Freunde zu uns herüber, dann rannten wir
davon, die Straße hinunter zur Stadt, wo das Kino in der
Sonne döste, die Pflastersteine im Mittagslicht glänzten,
und die Wärme auf dem Bordstein knisterte. Vor den
Geschäften standen die alten Leute und blätterten in
Zeitungen, und die Männer rochen nach Zigarren, und
drohten mit ihrem Stock, wenn wir unsere Bälle über den
Marktplatz kickten. Jede Sekunde ein Polaroid. Ich erinnere
mich an die dunklen Gewitterwolken, an die langen
Schatten an den Nachmittagen, und an das Läuten der
Kirchenglocken über den gelben Gärten am Abend, und
alles war gut und richtig und einzigartig. In den Schulferien
schlief ich in Großvaters Bett, die Sterne hingen wie
Lampions in den Bäumen, die Augen der Katzen
schimmerten im hohen Gras, und es war so einfach...
(Auszug : weiter im Buch)
Matthias Kröner
Warum Lyrik immer den 3. Preis gewinnt
Mal ehrlich, wären Sie gerne in einem Lyrikeck?
Würden Sie sich da wohlfühlen?
Da riecht es ein immer bisschen muffig,
meist liegt es neben dem Lager oder neben dem Klo
und ist unglaublich schlecht sortiert.
Wenn man nachfragt, wird man angesehen,
als ob man sehr einsam wäre,
verständnisvoll blättert die Buchhändlerin im Computer
und denkt sich:
Die arme Sau. Mitte Zwanzig und schon auf Lyrik.
Ob der wirklich so depressiv ist?
Wahrscheinlich muss er schwere Medikamente schlucken
und seine Frauen schicken ihn nach spätestens
zwei Wochen in die Wüste.
Am schlimmsten ist es, wenn man dann auch noch
Lyrik schreibt.
Wer Lyrik schreibt, ist ein kompletter Vollidiot.
Der trifft sich ständig mit anderen Dichtern
und dann reden sie über ihre Zyklen
und nicken dazu mit den breiten Köpfen,
während sie „sehr interessant, wirklich“
in ihre Bärte nuscheln und ihre eigenen Werke gut finden.
In ihren Versen schreiben Sie gerne von der
„schweren Süße des Jasmin“,
hüsteln permanent in ein Wasserglas,
schreiben alle verse in allen strophen zu allen zeiten
in kleinbuchstaben,
lassen sich jeden Tag vor einer Bücherwand fotografieren,
während sie den Daumen-, Zeige- und Mittelfinger der
rechten Hand
saublöd um den Mund gruppieren
(Auszug : weiter im Buch)
+++ weitere Leseproben folgen +++