Tsunami - 120 Tage in Thailand
Krimi von Roland Quant
450 Seiten
ISBN 978-3-935259-04-0
Format 13 x 21cm, Paperback
18,90 €
Hinweise des Bearbeiters
Es war ein sonniger, glatter Apriltag im Jahre 2006. Die letzten Stunden hatte
ich im ICE von München nach Frankfurt am Main verbracht. Nun stand ich im
Frankfurter Hauptbahnhof vor den Schließfächern. Es war finster, ein muffiger
Geruch von Urin, vergammeltem Abfall und Reinigungsmitteln lag in der Luft.
Ich kramte in meiner Hosentasche nach dem Schlüssel für das Schließfach Nr. 7.
Hier, in dieser schmuddeligen Ecke, fing eine Geschichte an, die mich bis zum
heutigen Tag, an dem ich das hier schreibe, nicht losgelassen hat.
Als sich der Schlüssel leicht, ohne jeden Widerstand im Schloss drehte, wusste
ich noch nicht, was ich in dem Schließfach finden würde. Klar war nur, warum
ich her gekommen war und wem das Schließfach vorher gehört hatte. Und daran
dachte ich in den letzten Sekundenbruchteilen, bevor ich die Tür des Faches
ganz aufzog.
Wenige Tage zuvor, am 4. April des Jahres 2006, war mein langjähriger Freund
Ulrich Melzer im Gardasee ertrunken – zumindest galt er von diesem Zeitpunkt
an als vermisst. Seine Leiche konnte nicht geborgen werden. Das erfuhr ich, als
ich versuchte, ihn auf allen erdenklichen Wegen zu erreichen. Dieses tragische
Ereignis konnte nicht ungeplant gewesen sein, weil mir Melzer eben genau an
diesem Tag, also dem 4. April 2006, aus Torbole, am Nordufer des Gardasees,
den Schließfachschlüssel Nr. 7 und eine handschriftliche Notiz: "Frankfurt/
Main, Hauptbahnhof" per Post nach München geschickt hatte. Sonst nichts.
Dann zog ich die Tür des Schließfachs ganz auf. In dem düsteren Loch fand ich
außer einem großen Stapel roter Plastikmappen noch einen dicken Brief von
Melzer. Es gab für mich gar keine Möglichkeit, das ganze Zeug zu transportieren.
Also ging ich eine Etage tiefer, in den Shoppingbereich des Frankfurter
Hauptbahnhofs und kaufte dort eine billige Reisetasche. Nach ein paar Minuten
stand ich zum zweiten Mal an diesem Tag vor dem Schließfach und spürte, wie
sich der widerliche Geruch der Umgebung langsam in eine Aversion gegen den
Inhalt des Fachs verwandelte. Den Brief und die vielen Mappen verfrachtete ich
in die neue Reisetasche.
Zuerst ging ich in die DB-Lounge und öffnete den Brief von Ulrich. In dem großen
Pappumschlag waren Schlüssel zu seiner Wohnung in der Leipziger Straße
und eine Vollmacht über seine Konten – als ob ich das irgendwie nötig hätte,
dachte ich zunächst. Anschließend fuhr ich mit dem Taxi vom Hauptbahnhof direkt in
Melzers Wohnung, streckte mich auf dem blauen Sofa aus und begann zu lesen.
In Melzers Abschiedsbrief stand folgendes: Zunächst informierte er mich über
seine Beurlaubung vom Professorenamt an der Universität Frankfurt, die vom
1.4.2006 bis zum 31.9.2007 reichte. Diese Beurlaubung hatte Zweifel an seinem
Tod geweckt – zumindest deutete alles auf präzise Planung hin. Dann wies er
mich in dem Brief an, für Heike (seine Ex-Frau) und Tanita (seine Tochter) weiter
gut zu sorgen, denn seine Exfrau kann ihn nicht beerben und Tanita ist minderjährig.
Deswegen also die Kontovollmacht. Tanita sollte ich mitteilen, dass
ihr Vater möglicherweise "längere Zeit weg" sei – mehr nicht. Seine Wohnung
könne ich nach Bedarf nutzen. Er ging ganz selbstverständlich davon aus, dass
ich sie brauchen würde.
Weiter schrieb er, dass Prof. Dr. Platzer (der große Philosophie-Ordinarius in
Frankfurt) ihm etwas schuldig sei. Darum könne ich, Andreas Sandler, zunächst
durch Lehraufträge und dann durch die Vertretung der Professur meinen Stand
im Fach Philosophie verbessern. Ich zweifelte sehr daran, ob ich das alles wollte.
Dennoch entwickelte sich die Lage in den folgenden Monaten genau so, wie
es Ulrich vorhergesehen hatte. Schließlich war er mein bester Freund und ich
habe keine anderen Verpflichtungen.
Die einzige unverschämte Zumutung hat aber mit den genannten Punkten nichts
zu tun. Es ging ihm um den Inhalt der roten Plastikmappen. Viele hunderte von
Seiten teils handschriftlich beschriebenes, teils bedrucktes Papier, durchpaginiert
und immer geradezu pedantisch mit dem Datum der Niederschrift und einem
Hinweis auf den Ort sowie auf das Thema versehen. Sein Auftrag lautete,
ich zitiere: "Sorge bitte für die textliche Gestaltung und Aufbereitung und die
redaktionellen Bearbeitung all dieser Textfragmente. Es soll als Buch veröffentlicht
werden. Nur Du kannst das machen. Mehr wünsche ich mir nicht." Es dauerte
Wochen, das ganze wirre Zeug gründlich zu lesen und grob zu strukturieren.
An ein Buch war zu jener Zeit gar nicht zu denken...
Erschienen im Dezember 2011
zum 7. Jahresstag des Tsunami vom 25.12.2004
im worthandel : verlag, Dresden.
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