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Umm Nur Erzaehlungen Cover
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Hier im Dorf gibt es eine Frau, eine Frau, die aus den Augen liest und aus den Händen und dem Kaffeesatz. Umm Nur nennt man sie. Ich halte Ausschau nach ihr, von den Balkonen, den Wagen, nach Umm Nur, aus meinem Horst, spähe ich. Nach Umm Nur.

Umm Nur altert nicht, so scheint es mir, sie sieht mich schon seit Jahren mit diesem starken Augenpaar, den klaren Zügen ihrer Miene an, so an. Sie altert und sie lächelt nicht. Ob sie weint, vermag ich nicht zu sagen, jetzt nicht, einige flüstern es mir zu, sie weine in ganz kleinen Nächten, um den Derwisch, den alten Derwisch, im schwarzen Kaftan und Glockenrock, weiß und weit, mit roter Sikke. Der Derwisch tanzt nicht mehr.

Ich schleiche in Nächten, die mir klein genug erscheinen, um ihr Haus, Umm Nurs Haus, harre vor einem der Fenster aus, lausche, suche ein Schluchzen, ein Wimmern – doch dieses Warten bleibt tränenlos. Ich schicke einen Jungen aus, der mir Maulbeeren bringt, kaftanschwarz und zwei Dutzend Datteln. Die Maulbeeren setze ich an, für eine List, für Umm Nur, ich presse sie, quetsche sie, fange den Saft, den Saft allein. Die Datteln trockne ich, am Tage, schäle behutsam den Kern heraus, sie sollen schön sein. Ich zuckere die Datteln, fülle sie mit Nuss und Sirup, mehr Sirup, dann sind sie süß.

Ich schicke einen Jungen aus, der Saft und süße Datteln bringt, zu Umm Nur, zu ihr. An ihre Treppe trägt er sie, es sind drei Stufen, auf die mittlere, sage ich ihm. Die obere wäre zu aufdringlich, die untere flehend, er soll Wache halten, in einem Versteck. Ich möchte fragen, ob sie einen Mann hat, inne hat, ganz hat. Ich befrage alle, niemand weiß es. Der Junge kehrt zurück, zu mir, reibt sich die Augen und gesteht den Schlaf: Glas und Teller sind leer. Wer hat gegessen, befrage ich ihn. Was soll mir der Schläfling sagen. Kein Mann. Denn ein Mann stellt nicht sein Glas zurück und niemals einen Teller. Nicht der Junge, denn der isst nicht sauber, sein Hemd aus weißem Leinen hätte er betropft, rot betropft, den Sirup hätte er im Haar, verklebt. Umm Nur hat gegessen.

Meine List geht auf. Umm Nur hat gegessen. Getrunken hat sie. Meinen Saft, mein süßes Fleisch. Umm Nur trägt dunkle Tücher. Umm Nur trägt Schwarz und geht nicht im Schatten, wenn es heiß ist. Aber sie schwitzt nicht, das weiß ich, sie schwitzt nicht. Oft suche ich den Boden ab, auf dem sie geht. Den Boden. Ich erhoffe mir, dass ein Tropfen ihrer Hitze aus den Tüchern dringt, zu mir dringt, meinem Ruf folgt und sich frei lässt. Ich durchsuche den Sand nach ihm, Umm Nurs Tropfen, er ist nicht da.

Ich schicke einen Jungen aus, lasse ihn ausschlafen, schicke ihn aus, zu Umm Nur. Ich gebe ihm einen bestickten Schlauch, der nicht schwarz ist, aber braun, ganz dunkel braun, es sollte reichen. In den Schlauch fülle ich Schafsmilch, leicht, ganz leicht nur angegoren, in die Milch noch gelbe Blüten, und ein, zwei Kellen Rosenwasser. Mehr davon. Viel davon, denn ich glaube sehr, Umm Nur liebt gelbe Rosen. Vor ihrem Haus wachsen nur weiße. Vor ihr Fenster schicke ich den Jungen, er wirft den Schlauch hinein, ins Küchenfenster, sage ich ihm. In die Baderäume wäre töricht, ins Schlafzimmer schon anzüglich. Nicht, dass sie etwas denkt von mir.

Aber Umm Nur wird darin baden, ja, in meiner Milch, nicht nackt. Im Spiegel wird sie sich einen Augenblick lang unbekleidet sehen, sich dem Anblick hingeben, aber nicht, nein, aber nicht verzeihen. Verhüllt wird sie baden und trinken wird sie, Umm Nur verhüllt von meiner Milch. Die Blüten bleiben an ihren Lippen, dort wo ich sein will, ich will Milch sein. Den Jungen sehe ich nicht mehr, nicht in der Ferne zu mir kommen. Er ist woanders, sagt man mir. Ein Flüchtling, glaube ich.

Ich schicke mich selbst zu ihrem Fenster, kann ja auch selbst ein Junge sein. In den Pinien sehe ich gleich schon den Trinkschlauch hängen und daneben den Jungen an einem Ast. Hängend, verfangen, wie ein Blütenblatt an schönen Lippen bleibt und ich verstehe den Jungen gut. Ich besorge Kaffeebohnen, ein Pfund milde, zwei Pfund herbe. Ich kann sie mahlen und mahlen. Ich brühe sie auf, gemahlen auf. Mit einem Löffel rühre ich, zu wässrig, gebe mehr Bohnen in die Mühle, zu herb, die milde Sorte noch – ich habe gar keine Tassen aus Porzellan oder feinem Glas, nur einen Humpen habe ich und der ist mir gesprungen. Ich gehe im Dorf von Haus zu Haus...


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(25 Seiten)

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erschienen am 14. Juli 2011 im worthandel : verlag
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Umm Nur
von Jonas Navid Mehrabanian Al-Nemri

126 Seiten
ISBN 978-3-935259-84-2
Format 13 x 21cm
14,90 €

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